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"...über die Jahre nicht
nachzugeben"
Zum 50. Geburtstag des Leipziger Schriftstellers
Ralph Grüneberger
Unter den deutschen Lyrikern hat Ralph
Grüneberger eine eigene Stimme. Seine Verse, versammelt
in den Bänden ... (s. Bibliographie),
registrieren alltägliche Vorgänge, deren soziale
Dimensionen freigelegt werden. Die Texte arbeiten weniger
mit der zusammenziehenden Metapher, nicht vordergründig
mit einem Ich, das sich selbst befragt und analysiert, sondern
vielmehr mit Materialien, die aus dem Umfeld des Lyrikers
gewonnen werden. Grüneberger dreht und wendet die Worte
so lange, bis sie den geschichtlichen Untergrund individueller
alltäglicher Existenz erreichen, die Widersprüche
aufreißen und deuten (optisch verstärkt durch
den überraschend eingesetzten Zeilensprung).
Solche Besonderheiten lyrischen Sprechens
hat auch die internationale Kritik früh bemerkt, wenn
die bereits nach dem Debütband "Frühstück
im Stehen" schreibt: "In lakonischen Versen spitzt
er die Vernünftigkeiten des Alltags sarkastisch zu,
ironisiert Anpassungen und deren Forderungen. Gern arbeitet
Grüneberger mit Spiegelungsverfahren, mit Intertexten
mit Mehrfachkodierungen, ohne deshalb hermetisch schwierig
zu sein" (Alexander von Bormann). Das Rollensprechen
der betont sozial profilierten Frauen und Männer, der
dokumentarisch-authentische Berichtston, die "harten"
faktischen Details sind überlegt eingesetzte Mittel
des registrierenden Mitteilungsgestus.
Ein solches künstlerisches Vorgehen hat
wenigstens zwei Voraussetzungen: Zu einem die genaue Kenntnis
der Lebensumstände seiner Rollen-Protagonisten (solche
Erfahrungen erwuchsen ihm während seiner Zeit als Arbeiter
und Angestellter und schließlich als Literaturstudent),
zum anderen ein Verhältnis zu den erlebten Umständen,
das sich von Anfang an als kritisch gezeigt hat. Noch vor
der Wende hat Grüneberger, geradezu unideologisch,
Lebensumstände, Lebensläufe, Sozialsituationen
erkundet. Nicht umsonst galt der Autor deshalb im Literaturbetrieb
der DDR lange Zeit als suspekt und benötigte einigen
Langmut, um 1984 mit einem Heft (Nr. 198) in der Reihe "POESIEALBUM"
als Dreiunddreißigjähriger eine erste Gedichtsammlung
zu veröffentlichen.
Nach der Wende wird das poetologische Konzept
fortgeschrieben und umgebaut; fortgeschrieben insofern,
als bisherige Lebensgeschichten verlängert und weitere
erkundet werden, umgebaut insofern, als nunmehr, vor allem
in den Amerika-Gedichten, das Ich selbst in die Analyse
genommen wird: Das Ich erlebt die Situation der Unsicherheit
gegenüber einflutenden Wahrnehmungen, es besteht in
der Konstellation der Irritation angesichts merkwürdiger
Geschehnisse und feiert, fernab vergangener ideologischer
Indoktrinierung, kostbare Momente existentieller Übereinstimmung.
Dieser Dichter, das ist besonders hervorhebenswert,
zeigt seit Jahrzehnten (ich kenne Grünebergers Arbeiten
seit den Anfängen des Autors Mitte der 70er Jahre)
ein ausgeprägtes Sprachbewußtsein und einen besonderen
Sinn für die Kommunikationsmittel des Gedichts; einige
Verse sind exzeptionell und zugleich für den Gebrauch
bestimmt. Beipflichten möchte ich dem Marburger Literaturwissenschaftler
Nicolai Riedel, der in einer Rezension von "Stadt.
Name. Land" des Dichters Bemühen um eine lebendige
und zeitgemäße Weiterentwicklung der Poesie bereits
vor 10 Jahren auf den Punkt gebracht hat: "Grünebergers
Lyrik (...) gewinnt ihren besonderen Stellenwert durch ihre
poetische Seismographik, ihre expliziten Signale, historischen
Rückzüge und politischen Akzente."
Die Gedichte erscheinen, je nach Editionsmöglichkeit,
seit 1993 nicht selten in kostbaren bibliophilen Sonderausgaben.
Damit ist die Nähe des Lyrikers zur bildenden Kunst
und bildenden Künstlern dokumentiert. Auch regen die
Texte Komponisten immer wieder zu Vertonungen an.
Daß Grüneberger zudem seit Jahrzen als Vorsitzender
der 1992 unter Schirmherrschaft von Karl Krolow begründeten
Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. arbeitet,
zeigt, daß für ihn Kommunikation ebenfalls bedeutet,
der gegenwärtigen Dichtung und den zeitgenössischen
Lyrikern Raum zu schaffen.
Prof. Dr. Walfried Hartinger
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